Infektionsschutz auf Baustellen

Berlin, 13. Oktober 2020 | „Lassen Sie nicht nach!“

Die Coronavirus-Pandemie fordert die Bauwirtschaft besonders heraus, denn hier laufen die Arbeiten von Anfang an unvermindert weiter. Wichtig sind deshalb die einfachen Regeln zum Infektionsschutz – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, kurz: AHA. Neu hinzu kommt in der kalten Jahreszeit das Lüften. Dabei kann geschickte Organisation viel für die Arbeitssicherheit bewirken.

Ein Gespräch mit Bernhard Arenz, Leiter der Abteilung Prävention der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU).

Bernhard Arenz, Leiter der Prävention

Bildquelle: PHOTOGRAFIC Berlin - Vivian Werk

Herr Arenz, im Baugewerbe gibt es schon immer die Grundregel: „Auf Winter-​Baustellen ist richtiges Lüften und Heizen besonders wichtig“. Aktuell bedeutet Lüften auch Schutz vor dem Coronavirus. Wie geht richtiges Lüften eigentlich?

Lüften wird in den kommenden Monaten wichtig, um Infektionsgefahren zu verringern, auch in der Baubranche: Denken Sie an Bauwagen, Pausenräume, Büro-Container oder Sammelunterkünfte – überall hier kommen viele Beschäftigte auf engem Raum zusammen. Das birgt Risiken im Hinblick auf Corona.

Daher gewinnt das Thema Lüften an Bedeutung, denn die Viren übertragen sich über feinste Tröpfchen in der Luft – die Aerosole. Dem kann einfach entgegengewirkt werden. Grundsätzlich ist die beste Möglichkeit dabei das, was wir alle von zu Hause kennen: Fenster auf und stoßlüften. Die Faustregel nach der Arbeitsstättenverordnung lautet: regelmäßig einmal pro Stunde und in Besprechungsräumen alle 20 Minuten zu lüften. Diese Frequenz ist in der Zeit der Epidemie möglichst zu erhöhen. In Abhängigkeit von Raumgröße und Personenzahl sollte die Lüftungsdauer zwischen drei und zehn Minuten betragen. Das lässt sich auch auf Baustellen leicht umsetzen. In Unterkünften auf Baustellen, wo Besprechungen und Pausen stattfinden, ist zusätzlich darauf zu achten, dass vor der Benutzung gelüftet wird, insbesondere dann, wenn sich zuvor andere Personen dort aufgehalten haben.

Lüften im Winter klingt ungemütlich. Da antwortet ein Bauarbeiter doch: „Wir arbeiten die ganze Zeit in der Kälte – und in der Pause wird das Fenster im Bauwagen aufgerissen“. Pausen- und Besprechungsräume sind oft die einzigen warmen Räume auf kalten Baustellen. Was sagen Sie dazu?

Klar, das ist verständlich. Es geht aber gerade nicht darum, dass im Winter während der gesamten Pause das Fenster offensteht. Ein Raum kann auch gut durchlüftet sein, wenn zuvor die Fenster geöffnet waren und damit genug Frischluft zugeführt wurde. Konkret: Auf der Baustelle werden die Pausenräume jeweils vor den Pausenzeiten gereinigt und stoßgelüftet.

Dazu kommt, dass immer auch die Anzahl der Personen im Raum eine Rolle spielt. Wenn vermieden wird, dass zu viele Leute auf engem Raum zusammenkommen, dann lassen sich auch die anderen Infektionsschutzregeln wie der Mindestabstand besser einhalten. Das lässt sich meist durch einfache Maßnahmen bewerkstelligen: feste Teams bilden, Pausenzeiten – je nach Anzahl der Teams – staffeln, Besprechungen – wenn möglich – in kleinerer Größe durchführen oder einfach durch mehr Platz. Auf größeren Baustellen wurden zum Beispiel Ausweichmöglichkeiten geschaffen, indem weitere Baucontainer bereitgestellt wurden.

Nicht alle Unternehmen haben die Möglichkeit und die Mittel für zusätzliche Anschaffungen. Was lässt sich sonst noch machen?

Gerade die Praxis zeigt, dass es oft auch ohne extra Kosten geht: Mit geschickter Organisation lässt sich sehr viel erreichen. Wir haben in den letzten Monaten erlebt, wie Unternehmen mit einfachen Maßnahmen auf die Coronavirus-Krise reagieren. Zum Beispiel indem sie feste Teams bilden, die über einen langen Zeitraum zusammen arbeiten. Das sind dann auch Teams, die zusammen zur Arbeit fahren, oder – bei Großbaustellen – zusammen wohnen. Dies senkt die Infektionsgefahr deutlich.

Das Thema Hygiene auf Baustellen ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie Unternehmen mit Improvisationsgeschick schnell und wirksam auf die erhöhten Hygieneanforderungen in der Corona-Zeit reagieren. Zu Beginn der Pandemie gab es Engpässe, als Unternehmen bei Mobiltoiletten und Waschgelegenheiten nachrüsten wollten. Vielerorts wurde dann mit einfachen Mitteln für mehr Waschgelegenheiten, Seife und Desinfektion gesorgt. Das zeigt: Wo ein Wille ist, ist häufig auch ein Weg.

Auf Baustellen finden häufig Besprechungen im Bauwagen oder Container statt – was ist dabei zu berücksichtigen?

Bei Baubesprechungen sollte möglichst versucht werden, dass nicht zu viele Personen auf engem Raum zusammenkommen. Außerdem müssten alle Verhaltens- und Hygieneregeln wie Abstand und Mund-Nasen-Schutz eingehalten werden. Im Bauwagen selbst muss die Lüftung erhöht und an die Zahl der Personen angepasst werden. Für die Dauer und Häufigkeit kommt es auf viele Faktoren an: neben der Personenzahl und der Raumgröße auch die Art der Tätigkeit. Bei körperlich schwerer Arbeit steigt zum Beispiel die Atemfrequenz. Da muss in einer kleinen Werkstatt unter Umständen mehr gelüftet werden als in einem Büro mit ruhiger Schreibtischtätigkeit. Die Handlungshilfen und Informationen der BG BAU unterstützen beim richtigen Vorgehen und einem wirksamen Infektionsschutz.

Gerade im Baucontainer kann es im Sommer heiß und im Winter frisch werden. Ventilatoren und Heizlüfter werden eingesetzt. Ersetzt die Luftbewegung der Geräte den Luftzug durchs Fenster?

Nein, solche Geräte sind auf keinen Fall ein Ersatz. Es geht nicht um die Luftbewegung, sondern um den tatsächlichen Luftaustausch, um frische Luft durch Stoßlüftung. Im Gegensatz zu Ventilator und Heizlüfter können Lüftungen für Frischluft sorgen. Aber solche Geräte müssen gut gewartet sein, sonst werden sie ebenfalls zur Virenschleuder. Die Technik ist komplex, Filter müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Natürliche Lüftung durch Fenster und Türen ist dagegen einfach und sicher.

Das Thema Hygiene ist auf Baustellen nicht immer einfach zu lösen. Haben Sie Tipps und Hinweise wie das besser gelingen kann?

Es gibt grundsätzlich klare Anforderungen zu sanitären Einrichtungen auf Baustellen. Diese sind im Regelwerk festgehalten. Wer sich daran orientiert, macht vieles richtig und ist auf der sicheren Seite. Doch nicht alle Fragen sind hier abschließend geklärt. Gerade im Winter kann das Probleme mit sich bringen: Die Beheizbarkeit von mobilen Toiletten, warmes Wasser, die Häufigkeit der Reinigung sind bisher Kann-Bestimmungen, keine Pflicht. Beschäftigte empfinden dies häufig als belastend und als erschwerend für ihre Arbeit.

Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels in der Baubranche sind Investitionen in diese Ausstattung zugleich Investitionen in die Zukunft. Denn Unternehmen, die sich für sichere und gesunde Arbeitsplätze sowie gute Arbeitsbedingungen engagieren, zeigen Wertschätzung gegenüber ihren Mitarbeitenden und sind so als Arbeitgeber auch für andere attraktiv.

Wie schätzen Sie aktuell die Situation auf den Baustellen vor Ort ein?

In den vergangenen Monaten hat sich auf den Baustellen bezüglich der Hygienemaßnahmen vieles zum Positiven verändert. Die Aufsichtspersonen der BG BAU bewerten die hygienischen Zustände auf den Baustellen nach ihren Vor-Ort-Besuchen mit einer Ampel. Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie stand sie bei fast einem Drittel der Baustellen auf Rot. Diese Quote ist von Woche zu Woche zurückgegangen und liegt jetzt unter zehn Prozent. Insofern kann die aktuelle Corona-Krise auch eine Chance für die Branche sein. Durch die Corona-Pandemie ist das Thema „Hygiene auf Baustellen“ in den Vordergrund gerückt. So hat sich vieles in kurzer Zeit verbessert – das wird auch nach Corona so bleiben.

Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz ist für Unternehmen und Beschäftigte im Bauwesen ein wichtiges Thema. Wie lautet Ihr Appell mit Blick auf Corona?

Meine Botschaft wäre: Lassen Sie in Herbst und Winter beim Arbeits- und den Infektionsschutz nicht nach! Jeder Einzelne auf der Baustelle muss sich der Gefahr bewusst sein und Verantwortung übernehmen – für sich und seine Kolleginnen und Kollegen. Die Regeln zum Infektionsschutz folgen einer einfachen Formel: „AHA+L“: zu Abstand, Hygiene und Alltagsmaske kommt das Lüften – in Bauwagen, Werkstatt, Büro und Baucontainer. Wenn wir alle diese Regel befolgen, ist schon viel gewonnen.